Leseprobe:

Des Teufels Baron

Anmerkung: Dieses Kapitel befindet sich im Buch auf den Seiten 237-244. 

 

Zum besseren Verständnis:

Seitdem Russland dem Osmanischen Reich im Vertrag von Adrianopel 1829 alle seine kaukasischen Besitzungen abgenommen hatte, stand die Unterwerfung der noch Widerstand leistenden Völker des Kaukasus auf dem Programm der zaristischen Generale. Entlang des Flusses Kuban, der die Grenze zwischen russischem Gebiet und dem Ländereien der noch freien Tscherkessen markierte, lief die "kaukasische Linie", eine Festungslinie, die von der russischen Generalität als Sprungbrett für Feldzüge ins Tscherkessengebiet vorgesehen war. Zu dem Zeitpunkt, da die Geschichte des General Zass einsetzt, hiess der Befehlshaber dieser Linie General Alexei Weljaminow.

General Baron Grigori Christoforowitsch Zass (1797-1883)

Des Teufels Baron

 

Baron Grigori Christoforowitsch Zass, 1797 in Kurland geboren, trat im Alter von 16 Jahren in die russische Armee ein; Ehrensache für den Spross eines Generals, dessen Ahnherren vor Jahrhunderten aus Westfalen eingewandert waren. Bei den schneidigen Husaren von Grodno untergekommen, durchquerte Zass ganz Europa, machte die Völkerschlacht von Leipzig mit und bekam seinen ersten Orden an die Brust geheftet, noch ehe er seinen 17. Geburtstag feierte.

 

Mit dem Frieden der nachnapoleonischen Ära kam er kaum zurecht. Er langweilte sich auf seinem ukrainischen Ruheposten, wollte etwas erleben, sich einen Namen machen. Für einen unruhigen Jungspund mit beruflichen Ambitionen wie ihn gab es dafür mit der Kaukasus-Grenze den idealen Ausweg.

 

Im Jahr 1820 zu den Nischni-Nowgoroder Dragonern übergewechselt, dem einzigen Kavallerieregiment im Kaukasus, lernte Zass sukzessive alle Winkel, alle Völker, alle Kriege des kaukasischen Raumes kennen, Georgien und Aserbaidschan, Lesghier und Tschetschenen, Perser und Türken. 1831 und 1832 kämpfte er unter dem Kommando von General Weljaminow gegen die Muriden. Irgendwann im Verlauf dieser Feldzüge muss Zass seinem Vorgesetzten durch seinen unermüdlichen Eifer aufgefallen sein, vielleicht, als er bei der Erstürmung von Germentschuk beinahe unter Trümmern begraben wurde.

 

Jetzt kam die Karriere in Schwung. Zum Oberst befördert, ereilte den Baron im Juli 1833 der Ruf seines Befehlshabers Weljaminow, einen Teil der rechten Flanke zu kommandieren. Zass erhielt die Befehlsgewalt über den Sektor Batalpaschinsk an der Kuban-Linie, sein erstes eigenständiges Kommando.

 

Mit dem geschulten Blick eines erfahrenen Truppenführers hatte Weljaminow erkannt, welches Potenzial in diesem Oberst schlummerte. Obwohl der Krieg nur durch einen methodischen Ansatz, das systematische Einschnüren und Aushungern des Feindes, zu gewinnen war – eine Leitidee, die gerade der General wie kein Zweiter vertrat – glaubte Weljaminow doch auch, dass es nicht ausreichte, die kaukasische Linie nur passiv zu verteidigen. Dort benötigte man einen aggressiven Mann mit Eigeninitiative, der die Tscherkessen nicht zur Ruhe kommen liesse, einen schlagkräftigen Offizier, der durch unablässigen Druck, sprich Vergeltungszüge, dem Feind jede Lust an weiteren Raubangriffen gegen die Linie austriebe.

 

Einen solchen Mann glaubte Weljaminow in Zass gefunden zu haben.

 

Mit absoluter Handlungsfreiheit seitens seines Vorgesetzten ausgestattet, trat Oberst Zass sein Kommando voller Tatendrang an. Schon damals «ein gestählter kaukasischer Krieger» mit einem «langen röthlichen Schnurrbart», der mit seinen Untergebenen «halb spöttisch, halb ironisch» verkehrte, wusste er sich gleich Respekt zu verschaffen. Er sei ein Mann mit einer «ritterlichen Physiognomie» gewesen, befand der Dekabrist Nikolai Lorer und fuhr fort: «Er ist gross, hat hellblaue Augen und einen riesigen, herabhängenden Backenbart.» Dieser bis zum Hals herabfallende Schnauzbart muss jedem Besucher als Erstes aufgefallen sein, der ihn sah, doch da war noch etwas anderes an Zass, etwas, das die Menschen beunruhigte; nicht die fliehende Stirn, der bereits ausgedünnte Haarschopf oder das ovale, spitze Gesicht, nein, die Augen waren es, grosse, tief in ihren Höhlen liegende, starre Augen, die ihm eine Aura von Irrationalität und Bedrohlichkeit verliehen.

 

Mit 36 bereits schwerhörig, bekam der Baron von den Tscherkessen den Spitznamen «der taube General» verpasst.

  

Sehr bald schon würden sie ihn in «Schaitan» ändern – Satan.

General Alexei Weljaminow  (1785-1838), Befehlshaber der Kaukasischen Linie

 

In seinem neuen Hauptquartier in Batalpaschinsk (heute: Tscherkessk) am Oberlauf des Kuban eingetroffen, inspizierte Zass seine Truppenmacht – das Choper-Regiment der Linienkosaken, zwei Regimenter Donkosaken, ein Bataillon des Nawaginsker Infanterieregiments – und machte sich mit seinem neuen Zuständigkeitsbereich vertraut.

 

Jenseits der Grenze lebten die Beslenej an der Laba und ihren Zuflüssen, der zahlenkräftigste aller Ost-Stämme. Geführt vom Fürsten Aitek Kanoko – oder Kanokow, da die Russen auch nichtrussische Namen mit der Endung -ow versahen –, standen sie im Verdacht, trotz seiner Friedensbeteuerungen im Dezember 1828 weiterhin feindselig gesinnt zu sein. Das Gleiche galt für die Hajiret, die «flüchtigen Kabardiner», die sich aus den unversöhnlichsten Elementen des Kabardiner-Volkes zusammensetzten. Weiter gegen die Berge hin wohnten die Abaza und der kleine Stamm der Machosch, über die man kaum Kenntnisse besass.

 

Wie Zass feststellen musste, wusste man überhaupt sehr wenig über den Gegner und das Land. Diesem Missstand gedachte er schnellstmöglich abzuhelfen. Als einer von wenigen russischen Kommandeuren begriff er intuitiv, dass Information den Schlüssel zum Erfolg darstellte. Mit Geldzuwendungen und Vergünstigungen baute er ein Netzwerk aus Spionen, Zuträgern und Kundschaftern auf; ein Frühwarnsystem, welches ihn zuverlässig mit Nachrichten versorgen und über alle Aktivitäten der Tscherkessen auf dem Laufenden halten sollte.

 

All das gesammelte Wissen richtete sich nur auf ein Ziel aus: Zass wollte den Krieg zu den Tscherkessen tragen. Weit davon entfernt, passiv an der Linie zu hocken und auf ihre Einfälle zu warten, beabsichigte er, ihre Raubzüge abzufangen, noch ehe sie sich entfalten konnten, und sie bis in ihre hintersten Schlupfwinkel zu verfolgen; sie durften keine Ruhe mehr finden und keine sicheren Zufluchtsorte. Unbarmherzig würde er ihnen nachstellen und ihnen mit unerbittlichen Schlägen einbläuen, dass es für sie kein Entkommen gäbe, wenn sie an ihrer feindseligen Haltung festhielten.

Ein solches Vorhaben erforderte nebst dem Informationsvorsprung des Kommandanten Schnelligkeit und Beweglichkeit von der Truppe; Fertigkeiten, die Zass seinen Männern von Beginn weg antrainierte. Insbesondere durch Fronteinsätze.

 

Nur wenige Wochen nach Antritt seines Postens stiess der Baron im August 1833 erstmals über den Kuban vor. Späher hatten ihm gemeldet, dass sich rund hundert Tscherkessenkrieger versammelt hatten, um einen Raubzug zu verüben. Mit 350 Kosaken, zwei Kompanien Fusssoldaten und zwei Feldgeschützen eilte er ihnen entgegen. Möglicherweise erprobte er bereits auf diesem Zug sein Konzept der berittenen Infanterie, mit dem er später so hohe Geschwindigkeiten aus seinen Truppen herausholte, dass er die Adyge immer wieder überraschen konnte. Nach 80 Kilometern bemerkte Zass in der Nähe der Grossen Selentschuk, dass ihn feindliche Kundschafter beschatteten. Instinktiv sah er voraus, dass sie Verstärkung holen und ihn angreifen würden. Also befahl er seiner Infanterie, im Wald in Deckung zu gehen, während er selbst mit den Kosaken auf der Lichtung blieb, um die Tscherkessen zum Angriff zu reizen. Die Falle schnappte zu. Wie vorgesehen griffen die Krieger seine Kosaken an, nur um von den beiden Geschützen mit Kartätschenladungen empfangen zu werden. In Unordnung gebracht, zogen sich die Kaukasier etwas zurück und hielten dabei genau auf das Wäldchen zu, in dem die Infanteristen auf ihren Einsatz warteten. Sobald sie nahe genug waren, feuerten die Russen mehrere Salven in ihre Reihen. Überstürzt flohen die Tscherkessen vom Kampfplatz.

 

Die gelungene Premiere gab den Kosaken Auftrieb: «Wie vom Heiligen Geist beflügelt, schmecken sie wieder den Erfolg der Waffen, denn seit Langem waren sie faktisch nur in einer defensiven Position verharrt», beobachtete Zass. Auch er selbst fasste spätestens jetzt den klaren Vorsatz: «Es ist besser, die Verantwortung für den Marsch über den Kuban auf sich zu nehmen, als die Plünderer ohne Verfolgung zu belassen.»

 

Weitere Offensivaktionen liessen demnach nicht lange auf sich warten: Am 9. Oktober zog Zass zum Urup, wo ihm ein Trupp «Räuber» gemeldet worden war, und zersprengte ihn; neun Tscherkessen starben, zwei gerieten in Gefangenschaft. Knapp drei Wochen später jagte er beim Übergang über die Laba unweit des Chods-Baches eine weitere Gruppe Adyge auseinander.

 

Doch es war der Kriegszug gegen den Beslenej-Fürsten Aitek Kanoko, der den fragwürdigen»Ruhm» des Barons begründete.

 

Zass hatte in Erfahrung bringen können, wo sich Kanokos Dorf befand. Im Morgengrauen des 19. November hetzte er mit 400 Kosaken auf die Stelle am Tschamlyk-Bach zu. Ohne auf das Fussvolk und die Geschütze zu warten, die nicht so schnell nachkamen, fiel er überfallartig in die Siedlung ein. So blitzartig kamen die Reiter über die völlig verdatterten Menschen, dass viele Frauen und Kinder nicht einmal in die umliegenden Wälder fliehen konnten. Sie zogen sich panikerfüllt in ihre Saklias, ihre Häuser, zurück, wo sie sich versteckten und verschanzten. Darauf hatte es Zass wohl angelegt. Er zog seine Kosaken ein Stück weit zurück, liess das Dorf locker umstellen und wartete auf die 800 Mann Infanterie und die sechs Feldgeschütze. Als sie heran waren, begann das Massaker. Die Kanonen feuerten auf die Häuser, und alsbald war alles in dichten Rauch gehüllt. Aus den Schwaden wabernden Pulver- und Brandrauches drangen die gellenden Schreie der Menschen, die sich in Todesangst zu retten versuchten. «Dann,» schrieb Zass in seinem Bericht, «stürmten Soldaten und abgesessene Kosaken sie [die Häuser], vernichteten fast alle mit dem Bajonett oder dem Säbel, und das geplünderte Dorf verbrannten sie».

 

Nur 68 Menschen gerieten in Gefangenschaft. Aitek Kanoko befand sich weder unter ihnen noch unter den Toten. Ihm war die Flucht gelungen. Nun mobilisierte er die gesamte Nachbarschaft, und etwa 2000 Männer, darunter auch flüchtige Kabardiner, schlossen sich ihm an. Es ging bereits auf den Abend zu, als sie das trockene Gras und Schilfgras anzündeten, um den Russen den Rückweg zu versperren. Aber Zass reagierte geistesgegenwärtig und liess ein Gegenfeuer anlegen. Das rettete ihn vor dem Feuer, nicht aber vor dem zornigen Angriff, den Kanoko und seine Männer durch die Rauchschwaden hindurch gegen ihn ritten. Diesmal half den Russen die Artillerie mit ihren Kartätschen aus der Bredouille.

 

Doch Zass war nun ausreichend eingeschüchtert, um seine Männer zur Eile anzutreiben. Sie mussten so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone heraus. Dunkelheit senkte sich über das Land, als sie zur Laba kamen. Sicherheitshalber liess Zass das gegenüberliegende Ufer mit der Artillerie bestreichen, während die Soldaten riesige Holzhaufen aufschichteten und anzündeten. Im Schein der lodernen Flammen setzte die kleine Armee um Mitternacht in vollkommener Stille über den Fluss. Am anderen Ufer war sie in Sicherheit.

 

Um den Preis von einem Gefallenen und 14 Verwundeten hatte Zass den Beslenej einen fürchterlichen Schlag versetzt. Und es ging weiter. Im darauffolgenden Monat schwang sich der aggressive Baron abermals in den Sattel, und wieder waren die Beslenej sein Ziel. Zwei Dörfer gingen in Flammen auf. «Ich verbrannte die Vorräte an Heu und Hirse, um sie der Möglichkeit zu berauben, Vieh in ihren geschützten Schluchten zu füttern und zu verstecken», berichtete er. Tage später töteten seine Kosaken bei einem neuen Einsatz weitere 15 Tscherkessenkrieger.

 

Verstört und verängstigt streckten Aitek Kanoko und die Beslenej Friedensfühler aus. Zass verlangte die Stellung von Amanaten sowie die Zusage, die Dörfer des Stammes ins Flachland zu verlegen, wo sie leichter zu erreichen und zu kontrollieren wären. Widerwillig musste Fürst Konoko den Auflagen nachkommen.

 

Erstmals hatte der Baron sein brutales Vorgehen in einen politischen Erfolg ummünzen können. Zweifellos bestärkte ihn dieser Sieg in seinem Willen, jetzt nicht lockerzulassen.

 

Die Kette seiner Gewalttätigkeiten riss fortan nicht mehr ab.

 

Am 3. März 1834 äscherte er bei klirrender Kälte das tiefverschneite Dorf Tlabgaj an der Laba ein; 193 Machosch fielen dem Gemetzel zum Opfer, 71 Menschen trotteten in Gefangenschaft. Im folgenden Monat waren die flüchtigen Kabardiner an der Reihe. Es traf zwei ihrer Dörfer hinter der Laba; rund 75 Menschen mussten sterben und die Hajiret um Gnade und Frieden bitten. Zuletzt zog Zass im Juni gegen zwei Aule der Barakaj-Abaza zu Felde. Die Angegriffenen wehrten sich hartnäckig und nahmen vier Russen mit in den Tod, aber zweifellos war die Liste ihrer eigenen Opfer viel länger; 56 Abaza wurden gefangen genommen.

  

Schliesslich durfte Zass im Oktober 1834 den Lohn für seine blutige Umtriebigkeit entgegennehmen. Mit seinen Leistungen vollauf zufrieden, beförderte General Weljaminow ihn zum Chef der Kuban-Linie, des grössten Teils der rechten Flanke. 

Übersichtskarte des Westkaukasus in den 183oer Jahren. Die Pfeile im Osten der Karte markieren die grobe Stossrichtung der zass'schen Feldzüge.

 

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich schon weitgehend fertig ausgebildet, was Zass selbst als «System des Offensivkrieges» definierte, der «die Bergbewohner vom Hochverrat abhalten» sollte. Im Argumentationsschema des kriegslüsternen Barons musste die Brandmarkung als «Hochverräter» dafür herhalten, Menschen töten zu dürfen, die ihre Heimat und ihre Lebensart verteidigten. Wie Weljaminow schien er nie einen Gedanken darauf verschwendet zu haben, dass es möglicherweise noch einen anderen Weg gab, die Tscherkessen ins Russische Reich einzugliedern als den der nackten Gewalt.

 

Zwei Kernaufgaben bildeten die Pfeiler seiner Tätigkeit: die Vereitelung feindlicher Raubzüge und die Bestrafung der Räuber. Hinzu kam, dem ersten Punkt untergeordnet, die feste Absicht, die Geiselnahmen von Russen ein für allemal zu unterbinden, wie Dubois de Montpéreux ausführte:

  

«Früher löste man hauptsächlich die gefangenen Soldaten wieder ein. Da die Erfahrung aber bewies, dass diese Handlungsweise nur noch mehr zum Raube ermuthigte, beschloss man Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Der Befehl wurde gegeben, so viele Gefangene als möglich zu machen und der Obrist (jetzt General) Sass in's besondere mit diesem neuen Zweige der Militäröconomie beauftragt. Die Wahl hätte auf keinen tapferern, gewandteren und thätigeren Mann als auf diesen Teufel der Tscherkessen, wie ihn diese gewöhnlich nennen, fallen können. Schon im Anfang des Sommers 1834 hatte er über sechzig Tscherkessen in seine Gewalt bekommen, welche man zum Austausche nach Ekaterinodar führte».

Eine Landschaft am Kuban Fluss

 

Stolz konnte Zass Erfolge dieser Art nach Petersburg melden und sich zunehmend in der Bewunderung seiner Zeitgenossen sonnen. Historiker können ihm nicht absprechen, das gesamte Repertoire erfolgreicher Kleinkriegstaktik fast in Perfektion beherrscht zu haben, vom klug gelegten Hinterhalt bis zum schnellen Überraschungsangriff, vom präzisen Manövrieren bis zur planmässig durchexerzierten Kriegslist.

 

Aber wo der Glanz seiner militärischen Taten seine Karriere ausleuchtete, umfing der Schatten ihrer dunklen, zerstörerischen, ja monströsen Kehrseite die Welt der Tscherkessen.

 

In der Wahl seiner Mittel von Beginn weg nie zimperlich, überschritt Zass alle Grenzen der «zivilisierten» Kriegsführung. Faktisch glichen seine Züge Vernichtungsaktionen, die auch Frauen und Kinder nicht aussparten. Diese Tatsachen leugnete er nicht, wie seine Feldzugsberichte dokumentieren, wo er Wortwendungen benutzte wie:  «Das Dorf wurde bis auf die Grundmauern zerstört», «die Einwohner starben in den Flammen des Dorfes» oder «diejenigen, die Widerstand leisteten, wurden zusammen mit dem Dorf dem Feuer und dem Schwert übergeben».

 

Von keinerlei Skrupeln gepeinigt, verteidigte Zass seine Methoden einmal gegenüber dem Dekabristen Nikolai Lorer, der sie in Zweifel zu ziehen gewagt hatte:

 

«Russland will den Kaukasus um jeden Preis erobern. Wie soll man die Menschen, unsere Feinde, anders nehmen ausser durch Furcht und Sturm? … Philantropie bringt hier nichts, und A. P. Jermolow war erfolgreicher als wir, weil er gnadenlos hängte, raubte und Auls verbrannte. Sein Name wird in den Bergen immer noch mit Ängstlichkeit ausgesprochen, und kleine Kinder werden mit ihm eingeschüchtert.»

 

Selbst Menschen, die Zass verteidigten, kamen nicht umhin, auf die enorme Grausamkeit eingehen zu müssen, derer sich der Baron bediente, wenngleich sie seine Taten entschuldigten. So zum Beispiel Semen Atarschtschikow:

 

«In der Zwischenzeit betrachten Sass viele, die ihn nicht kannten, als einen grausamen, fast barbarischen Mann, da sie vergassen, dass er es mit halbwilden militanten Bergbewohnern zu tun hatte, die nur Stärke, Tapferkeit, drastische Massnahmen und einige ihrer eigenen Gebräuche respektierten, die im europäischen Krieg undenkbar waren, wie zum Beispiel den, getöteten Feinden die Köpfe abzuhacken und sie auf Pfähle zu stecken, was Baron Zass im ersten Jahr seiner Ankunft an der Kuban-Linie tat und dabei das Sprichwort beherzigte: ‚Lebe mit Wölfen, heule mit den Wölfen‘.»

 

Das war keine Übertreibung. Zass liess den getöteten Tscherkessen tatsächlich die Köpfe abhacken. Unter dem Vorwand, die Verstümmelung russischer Gefallener zu rächen, schaffte er die grausige Beute in sein neues Hauptquartier Fort Prochno Okop, wo die Köpfe bald die Spitzen von langen Stangen zierten, die man in die Erdwälle gerammt hatte. Erschüttert beschrieb der Dekabrist Nikolai Lorer, wie «ihre Bärte im Wind wallten. Es war traurig, auf diesen widerlichen Anblick zu schauen.» Erst wenn sie verrottet waren, verscharrten die Russen die ekelhaften Trophäen. Oder sie verkauften sie den verzweifelten Angehörigen der Toten zum Standardpreis von zwei Kühen. Viele der Schädel liess Zass anthropologischen Museen und Laboratorien in ganz Europa zukommen. In diesem Zusammenhang wusste Nikolai Lorer eine weitere gruselige Episode beizusteuern:

 

«Einmal lud Zass mich [und] Naryschkin [seine Begleiterin] ein, und sie stimmte unter der Bedingung zu, dass die feindlichen Köpfe entfernt würden. Zass erfüllte ihren Wunsch, und wir waren alle seine Gäste. Als ich das Büro des Generals betrat, drang mir ein unbeschreiblich ekelhafter Geruch in die Nase, und Zass half uns lachend aus unserer Verwirrung heraus, als er sagte, dass seine Männer vielleicht eine Kiste mit Köpfen unter das Bett gestellt hätten, und zog tatsächlich eine riesige Kiste mit abgeschnittenen Köpfen heraus, die uns mit ihren glasigen Augen schrecklich anstarrten. ›Warum haben Sie sie hier?‹ warf ich ein. ›Ich koche sie aus, reinige sie und schicke sie an verschiedene anatomische Büros und Freunde meiner Professoren in Berlin.‹»

 

Steckte hinter solchen Barbareien Verrohung, Kalkül oder schlicht Sadismus? Wahrscheinlich spielten alle diese Faktoren mit hinein. Sicher ist, dass Zass auch moderne Technik zu Folterzwecken einsetzte. Verharmlosend, wie sie ausfielen, können wir den Schilderungen des französischen Reisenden Xavier de Hell dennoch entnehmen, dass der Baron seine Opfer mit Stromstössen quälte: «Wann immer er Besuch von Häuptlingen erhält, deren Treue er anzuzweifeln geneigt ist, setzt er eine elektrische Maschine in Gang. Seine Besucher fühlen heftige Schocks, sie wissen nicht wie, ihre Bärte und Haare stehen empor, und in der Verblüffung … lassen sie manchmal ein wichtiges Geheimnis fahren und verraten sich ihrem Feind.»

 

Nicht alle Methoden des Baron Zass waren derart brutal.

  

Erfindungsreich und voller Fantasie, wenn es darum ging, den Gegner in die Irre zu führen oder zu beeindrucken, täuschte, schwindelte und schauspielerte er. Ob er sich seinen tscherkessischen Besuchern als lebendige Zielscheibe anbot, wobei seine Leute vorher heimlich die Kugeln aus den Pistolen der Adyge entfernt hatten, oder er seinen Tod vortäuschte und eine prunkvolle Beerdigung organisierte, um alsdann blitzartig wie ein Geist in die Tscherkessengebiete einzufallen; stets überraschte er die Tscherkessen mit Finten und Tricksereien. Sorgsam baute er sich einen Ruf als allwissender Seher auf, dem nichts verborgen blieb und dem nichts unmöglich war. Er benutzte Musikspieldosen, um die Kaukasier in Erstaunen zu versetzen, und Teleskope, um ihnen vorzugaukeln, dass er in die fernsten Winkel des Landes blicken könne. Lorer: «Er schaffte es, die wilden Söhne des Kaukasus mit verschiedenen Scharlatanerien davon zu überzeugen, dass er selbst den Teufel kenne und ihre innersten Gedanken durchschauen könne.»

Die abgehackten Köpfe: Zass' schauriges Markenzeichen, aufgespiesst auf den Mauern von Fort Prochno Okop.

 

Zum Chef der Kuban-Linie aufgestiegen, bezog der frisch ernannte Generalmajor Zass sein neues Hauptquartier in Fort Prochno Okop (heute: Prochnookopskaja) nahe der Mündung des Urup in den Kuban.

 

Lange benötigte er nicht, um sich zu akklimatisieren. Fast schien es, als sei er ob seiner neuen Berufung geradezu in einen Aktionsrausch verfallen.

 

Kaum richtig angekommen, schwang er sich im Oktober 1834 in den Sattel und nahm das Dorf Anzor aufs Korn, angeblich ein Schlupfwinkel von «Abreks», Gesetzlosen.

 

Ganze elf Tage später stand er am 28. Oktober mit 950 Mann westlich der Laba, als ihm verschreckte Abgesandte der Beslenej und Machosch ihre Dienste antrugen. Zass verlangte den ultimativen Unterwerfungsbeweis von ihnen: sich an seiner Seite gegen die 1000 Tscherkessenkrieger zu wenden, gegen die sich sein Feldzug richtete. Es sprach Bände über den Grad ihrer Einschüchterung, dass Hunderte von Kriegern seiner Aufforderung nachkamen und mit ihm gemeinsam gegen ihre Brüder vorgingen.

 

«Um den Bergbewohnern einen noch grösseren Schrecken zu versetzen», wie es in seinem Bericht hiess, stiess Zass am 16. November mit 581 Fusssoldaten und 750 Kosaken sowie 4 Kanonen gegen den für unerreichbar gehaltenen Aul Tam(owsky) am Oberlauf der Laba vor, auch dieser Ort laut seiner Dastellung ein Schlupfwinkel unverbesserlicher Räuber.

 

«Am 4. November zerstörte ich diesen Aul, den die Bergbewohner als eine Festung betrachteten,» meldete Zass General Weljaminow. «Er brannte bis auf die Grundmauern nieder, und die Bergbewohner wurden davon überzeugt, dass weder die Felsen, noch die Entfernung, noch der Schnee unsere Truppen behindern können, die in dieser Kampagne ein Beispiel an Mut, Eifer und Geduld gezeigt haben. In den Flammen des Auls starben diejenigen Einwohner, die nicht die Zeit gehabt hatten, sich in den Felsen zu verstecken. Alle Habe, die nicht in unseren Besitz überging, verbrannte; 24 Seelen männlichen und weiblichen Geschlechts wurden gefangengenommen.»

 

Danach bremste der Baron seinen Aktivismus zwar etwas ab, blieb aber auf hohem Niveau. Bis Ende 1835 ritt er noch mindestens viermal über den Kuban, um Dörfer zu verbrennen und die Menschen in Angst zu halten.

 

In einem dieser Kriegszüge musste im Februar/März 1835 auch Alexander Bestuschew-Marlinski mittun, jener verurteilte Dekabrist, der sich als gefeierter Schrifsteller nationaler Berühmtheit erfreute. Auch ihm dürften die Szenen nicht entgangen sein, wenn nach dem Ende der Kampfhandlungen die Kosaken zum Stab des Generals ritten und aus schmutzigen Jutesäcken bluttriefende, rotbärtige Schapsugenköpfe zogen, die sie dem Baron übergaben, wofür sie zehn Rubel Belohnung kassierten. Einem Freund schrieb er:

  

«Zass und ich unternahmen zwei Raids mit der Kavallerie. Wir erbeuteten etwa achttausend Schafe und nahmen einen unzugänglichen Aul [Dorf]. Es war eine sehr interessante Reise, aber sie beinhaltete einen veritablen Haufen von Schwierigkeiten und Entbehrungen. Wir kämpften nicht allzu idiotisch, schnitten ein paar Köpfe ab und kehrten zurück, nachdem wir fünfzehn Tage jenseits des Kuban zugebracht hatten. Bis dato hatte ich gelernt, wie man in einer Schlacht kämpft, aber jetzt habe ich gelernt, wie man plündert. Zass ist ein Meister in diesem Metier.»

 

Informationen zu Zass' weiteren Werdegang und die Fortsetzung der Geschichte finden Sie in meinem Buch.

General Zass im hohen Alter